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Zahnerkrankungen

Wichtige Hinweise

Hintergrundinformationen

Zahnerkrankungen kommen beim Kaninchen häufig vor und sind einer der häufigsten Vorstellungsgründe in der Praxis/Klinik.
 
Bei einigen Komplikationen von Zahnerkrankungen wie periapikale Zahnentzündungen, Osteomyelitis, Abszesse und Dacryozystitis ist eine antibiotische Therapie im Zusammenhang mit einer chirurgischen Therapie indiziert.
 
Retrobulbäre Abszesse und Dacryozystitis werden in Kapitel 1.6.1 Augenerkrankungen diskutiert.
 
Krankheitsbild / Symptomatik / Risikofaktoren

Ursachen, Risikofaktoren, Schlüsselstellen

Kaninchenzähne haben keine anatomische Wurzel, wachsen lebenslang (elodont) und besitzen eine lange Krone (hypsodont). Aufgrund des permanenten Wachstums kann jeder Zustand, der das Gleichgewicht zwischen Wachstum oder Abrieb beeinträchtig, pathologische Folgen haben.
 
Ursachen für Zahnerkrankungen, welche diskutiert werden, sind: angeborene Fehlstellungen, Traumata, abnormer Abrieb (z.B. zu wenige Rohfaser im Futter) und metabolische Störungen (z.B. Kalziummangel).
 
Die meisten Studien gehen davon aus, dass es sich um eine multifaktorielle Erkrankung handelt, die als «progressive syndrome of acquired dental disease» (PSADD) bezeichnet wird.
 

Erreger

Ein Zahnabszess enthält typischerweise eine Mischflora aus aeroben und anaeroben, grampositiven und gramnegativen Bakterien.
 
Aerobe: Pseudomonas spp., Pasteurella spp., Streptococcus spp., Staphylococcus spp., Enterococcus spp., Actinomyces spp., Proteus spp., E. coli.
 
Anaerobe: Fusobacterium spp., Peptostreptococcus spp., Bacteroides spp., Prevotella spp.
 

Symptome

Vermehrtes Speicheln, nasses Kinn, Speicheldermatitis, Foetor ex ore, mandibuläre oder maxillare Auftreibungen, Anorexie und Dysphagie (z.B. vermeiden von Heu und hartem Futter).
 
Zahnerkrankungen und damit verbundene Schmerzen sind häufig auch mit anderen Problemen assoziiert, wie Gewichtsverlust, wiederkehrendem oder chronischem Augenausfluss (Epiphora, Dacryozystitis), Exophthalmus (z.B. bei retrobulbären Abszessen), eitriger Nasenausfluss, Dyspnoe, gastrointestinale Stase.
 
Da Kaninchen Beutetiere sind und Schmerzen nicht deutlich zeigen, sind die Symptome oft erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkennbar.
 
Diagnose / Tests Klinische Untersuchung: Adspektion und Palpation der Kieferkontur, um Knochenauftreibungen oder Schwellungen zu identifizieren und Adspektion der Schneidezähne, um Asymmetrien, Überwachsen und Schmelzanomalien zu erkennen.
 
Eine Maulhöhlenuntersuchung ohne Allgemeinanästhesie mit Otoskop oder Kindernasenspekulum und einer starken Lichtquelle sollte bei jeder klinischen Untersuchung durchgeführt werden.
 
Bildgebende Diagnostik: Röntgen und/oder CT des Kopfes sind empfehlenswert bei Komplikationen wie Abszessen oder Osteomyelitis. CT erlaubt dank der überlagerungsfreien Schnittbildtechnik eine bessere Visualisierung von Details und von anatomischen Strukturen, für eine genauere Prognosestellung und für die chirurgische Planung.
 
Identifikation der Erreger: Kultur und Antibiogramm aus Biopsien der Abszesskapsel, des veränderten Knochens oder des Zahns. Wenn die Probe aus dem Abszesskapselgewebe entnommen wird, ist das Bakterienisolat wahrscheinlich relevant, auch wenn orale oder gastrointestinale Flora isoliert wird.
 
Die mikrobiologische Anzüchtung eines Tupfers aus dem Inneren des Abszesses ist nicht indiziert, da er meistens steril ist.
 
Sowohl anaerobe als auch aerobe Kulturen sind notwendig.
 
Therapieleitlinien

Grundsätzliches

Zahnerkrankungen ohne Komplikationen brauchen i.d.R. keine Antibiose und können mit einer Zahnkorrektur oder Zahnextraktion, Analgesie, regelmässigen tierärztlichen Untersuchungen und präventiven Massnahmen (z.B. artgerechte Fütterung) unter Kontrolle gebracht werden.
 
Zahnerkrankungen die durch periapikale Zahnentzündungen, Abszesse und Osteomyelitis kompliziert sind, brauchen eine Kombination von chirurgischer, analgetischer und antibiotischer Therapie.
 
Abszesse bei Kaninchen sind fest und gekapselt. Diese Eigenschaften erschweren es, eine optimale Wirkung von Antibiotika zu erreichen, weshalb eine reine medikamentöse Therapie meistens nicht erfolgreich ist. Aus diesem Grund ist es wichtig, eine antibiotische Therapie immer mit einer chirurgischen Therapie zu kombinieren. Rein medikamentöse Therapien können nur als palliative Massnahme eingesetzt werden.
 
Die Therapie einer Zahnerkrankung ist oft langwierig und bedarf einer guten Compliance des Besitzers (Medikamentengabe, Spülung und Hygiene der Wunde). Es ist mit Komplikationen und Rezidiven zu rechnen.
 

Antibiotika

Eine systemische antibiotische Behandlung sollte, wenn immer möglich, nach einer bakteriellen Kultur und Antibiogramm erfolgen.
 
Ein indiziertes «first line» Antibiotikum ist Penicillin G parenteral (s.c.).
 
Penicillin G wirkt gegen zahlreiche grampositive und anaerobe Bakterien sowie gegen Pasteurellaceae. Depotpräparate (Procain-/Benzathin-Benzylpenicillin) sind ebenfalls wirksam. Als Nebenwirkungen können gastrointestinale Störungen, Hautreaktionen an der Injektionsstelle oder Anaphylaxie auftreten. Trotz dieser möglichen Nebenwirkungen gilt dieses Antibiotikum als sicher, wenn es parenteral verabreicht wird.
 
Als «second line» Antibiotikum und als perorale Alternative wird Chloramphenicol empfohlen. Dieses Antibiotikum ist auch oral verabreicht verträglich und verursacht sehr selten Nebenwirkungen im gastrointestinalen Trakt. Es wirkt gegen viele grampositive, gramnegative und anaerobe Bakterien. Pseudomonas spp. ist oft resistent gegen dieses Antibiotikum und es kann aplastische Anämie beim Menschen verursachen. Deshalb wird dringend empfohlen, Chloramphenicolpräparate nur mit Handschuhen und erhöhter Vorsicht zu verabreichen.
 
Fluorchinolone (Enrofloxacin und Marbofloxacin) sollten nicht ohne vorheriges Antibiogramm eingesetzt werden, da sie zu den kritischen Antibiotika gezählt werden und die Zahnabszess-assoziierten Bakterien variable Resistenzraten gegen diese Antibiotika aufweisen. Fluorchinolone wirken gegen die meisten gramnegativen Keime, vielegrampositive Bakterien sowie gegen Mycoplasmen, können peroral oder parenteral (s.c., i.v.) verabreicht werden und gelten als verträgliche Antibiotika.
 
Zur Kompensation der reduzierten Wirkung auf grampositive Bakterien und Anaerobier werden Fluorchinolone mit Metronidazol kombiniert. Metronidazol wirkt gegen anaerobe Bakterien und Protozoen und verursacht selten Nebenwirkungen. Resistenzen sind bei Actinomyces spp. und Bacteroides spp. möglich.
 
Amikacin ist für eine systemische Therapie von Infektionen mit multiresistenten Pseudomonas aeruginosa angezeigt. Amikacin ist ein Aminoglykosid-Antibiotikum mit einem breiten Spektrum und bakterizider Wirkung, welche konzentrationsabhängig ist. Um das Nierentoxizitätsrisiko zu verringern, wird empfohlen, dieses Antibiotikum gleichzeitig mit einer Flüssigkeitstherapie zu verabreichen.
 
Es werden auch lokale antibiotische Behandlungen mit variablem Erfolg eingesetzt. Solche Behandlungen sollten immer durch eine adäquate systemische Antibiose unterstützt werden.
 
Periapikale Zahnentzündung, Abszess, Kiefer-Osteomyelitis
PriorisierungAntibiotikaDosierungDauerBemerkungen
First LinePenicillin G
(inkl. Depotpräparate)
42'000 - 60'000 IU/kg 1 × täglich
oder
jeden 2. Tag s.c.
Bis klinische AbheilungNIE peroral verabreichen
Second LineChloramphenicol25 mg/kg 2 - 3 × täglich p.o.Bis klinische AbheilungKann beim Menschen aplastische Anämie verursachen, NUR mit Handschuhen verabreichen
Stark
eingeschränkter
Einsatz, nur
nach Erregernachweis
und
Antibiogramm
Amikacin8 - 16 mg/kg 1 × täglich s.c./i.m./i.v.Bis klinische AbheilungKritische Antibiotika

Amikacin ist nierentoxisch, gleichzeitig mit Flüssigkeit verabreichen

Bei i.v. Gabe verdünnen und über 20 Minuten verabreichen
 Enrofloxacin5 mg/kg 1 - 2 × täglich p.o./s.c./i.v.
oder
5 - 20 mg/kg 2 × täglich p.o.
  
 Marbofloxacin2 - 5 mg/kg 1 × täglich p.o.
oder
2 mg/kg 1 × täglich s.c./i.m./i.v.
  
 Für Enrofloxacin und Marbofloxacin Kombination möglich mit
Metronidazol
20 mg/kg 2 × täglich p.o.  
 

Resistenzlage

Pseudomonas aeruginosa sind resistent gegen Chloramphenicol und weisen variable Resistenzen gegen Enrofloxacin und andere Antibiotika auf.
 
In einer Studie von Tyrrell et al. (2002) waren die Erreger, welche in Gesichtsabszessen isoliert wurden zu 100% sensibel auf Chloramphenicol, 96% auf Penicillin, 86% auf Tetrazykline, 54% auf Metronidazol und Ciprofloxacin und nur 7% auf Trimethoprim-Sulfonamid.
 
In einer Studie von Jekl et al. (2012) wurden 6 aerobe multiresistente Bakterienstämme identifiziert.
 
Aufgrund der Heterogenität der Erreger bei Zahninfektionen und Zahnabszessen und des variablen Vorkommens resistenter Bakterien, ist ein Antibiogramm immer indiziert.
 

Unterstützende Massnahmen

Analgesie ist eine wichtige Massnahme, um schmerzbedingte Anorexie und daraus resultierende gastrointestinale Probleme zu vermeiden. Assistierte Fütterung mit einem Ergänzungsfuttermittel und Flüssigkeitstherapie sind bei Hyporexie oder Anorexie zwingend.
 
Kaninchen mit Zahnerkrankungen selektieren oft weicheres (oft kohlenhydratreiches) Futter und vermeiden Heu. Die Konsequenzen sind eine Progression der Erkrankung und Komplikationen (z.B. Dysbiose, Obesitas).
 

Prävention

Eine ausgewogene (Ca/P-Verhältnis) und eine rohfaserreiche Diät ist die Grundlage für ein gesundes Kaninchen. Es wird viel Heu (80-85%), etwas frische grüne Kräuter/Gras und rohfaserreiches Gemüse (10-15%) und weniger bis kein kohlenhydratreiches Futter wie Früchte und Getreide (3%) empfohlen.
 
Regelmässige tierärztliche Kontrollen sowie Besitzerschulungen erlauben frühe Stadien der Erkrankung zu erkennen und behandeln, was sich positiv auf die Prognose auswirkt.
 
Kaninchen mit Zahnwachstumsproblemen sollten regelmässig zur Zahnkontrolle vorgestellt werden (Schneidezähne jede 4-6 Wochen, Backenzähne jede 10-12 Wochen).
 
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